Botanisches Abendkolloquium, WS 2005/06

Diese Vorträge werden vom Botanischen Institut und der Basler Botanischen Gesellschaft gemeinsam organisiert.

Fr. 28. Okt. 2005 • 18.30 Uhr

Eis, Feuer und Pflanzen – Flora, Landschaft und Geologie Islands

Hafdis Hanna Aegisdottir, Botanisches Institut, Universität Basel

Island ist eine hoch aktive Vulkaninsel im Nordatlantik (103 000 qkm), die direkt unterhalb des Polarkreises liegt (ca. 63-66°N). Der Vulkanismus, die heissen Quellen und die Erdbeben sind eine Folge der Grenze zwischen der Eurasischen und der Nordamerikansichen Kontinentalplatte, dem sogenannten mittelatlantischen Rücken, die mitten durch Island verläuft und von sogenannten Hot Spots, die sich unter der Insel befinden. Nicht nur die Geologie, sondern auch die Menge an Eis und Wasser haben einen grossen Einfluss auf die Landschaft und die Flora des Landes. Die Landschaft und die Ökosysteme Islands sind sehr vielfältig: Gletscher, heisse Quellen, Lavafelder, Sandwüsten, Feuchtgebiete, Reliktwälder, grüne Fjorde, Tundras und Küstengebiete. Die Flora Islands umfasst ca. 440 Blütenpflanzen und 40 Farne. Nur ein Viertel des Landes ist jedoch von geschlossener Vegetation bedeckt und nur etwa 1% ist bewaldet (v.a. mit Betula pubescens).
Dieser Vortrag nimmt Sie mit auf eine Reise durch diese facettenreiche Landschaft.

Fr. 11. Nov. 2005 • 18.30 Uhr

Die molekularbiologische Revolution in der Systematik der Pilze

Prof. Dr. Thomas Boller, Botanisches Institut, Universität Basel

«Ein Männlein steht im Walde»: Die meisten von uns kennen wenigstens einige Pilze mit Namen, etwa den giftigen Fliegenpilz (Amanita muscaria) oder den köstlichen Steinpilz (Boletus edulis). Seit Linné werden die Pilze, genau wie Pflanzen und Tiere, gemäss der binären Nomenklatur wissenschaftlich in Gattungen und Arten eingeteilt, und seit Darwin wird versucht, die Organismen in einem natürliches System zu gliedern, das die Evolution möglichst naturgetreu abbildet. Bei den Pflanzen hat sich dieses natürliche System in den letzten hundert Jahren durchgesetzt und stabilisiert. Auch bei den Pilzen hat man schon im 19. Jahrhundert eine entsprechende Systematik aufgebaut. Sie beruht auf den sexuellen Fortpflanzungsorganen und teilt die Pilze in die Abteilungen «Zygomycota» (Jochpilze), «Ascomycota» (Schlauchpilze) und «Basidiomycota» (Basidienpilze) ein. Darüber hinaus gibt es jedoch eine grosse Anzahl von Pilzen, von denen sexuelle Fortpflanzungsorgane unbekannt sind. Sie wurden bisher in die Klasse «Deuteromycetes» gestellt.
Seit etwa zehn Jahren besteht nun die Möglichkeit, die DNA von Pilzen zu «lesen» und damit die Verwandtschaftsverhältnisse direkt auf dem Niveau der Gene zu analysieren. Diese Untersuchungen haben die Systematik der Pilze vollkommen revolutioniert, und zwar sowohl im Grossen wie im Kleinen.
Im Grossen ist die Klasse der «Deuteromycetes» überflüssig geworden, da nun die Verwandtschaft jedes Pilzes unabhängig vom Vorliegen sexueller Fruktifikationen bestimmt werden kann. Noch wichtiger: Eine der verbreitetsten Gruppen von Pilzen, nämlich die arbuskulären Mykorrhizapilze, bildet überhaupt nie sexuelle Fortpflanzungsorgane. Sie wurde klassischerweise der Abteilung «Zygomycota» (Jochpilze) zugeordnet. Aufgrund der molekularbiologischen Revolution wird sie nun aber als neue Abteilung «Glomeromycota» definiert.
Im Kleinen gehört zum Beispiel das Schweinsohr (Gomphus clavatus) nicht mehr in die Nähe des Eierschwamms, wie in den meisten unserer bekannten Pilzbüchern, sondern in die Nähe der Ziegenbärte!

Fr. 25. Nov. 2005 • 18.30 Uhr

Landschaft und Vegetation von Siebenbürgen (Rumänien)

Prof. Dr. Wolfgang Schumacher, Abt. Geobotanik und Naturschutz, Universität Bonn

Siebenbürgen gehört mit den Karpaten zweifellos zu den landschaftlich vielfältigsten und schönsten Regionen Rumäniens. Von der collinen Stufe mit subkontinental getönten Steppenrasen und Eichenwäldern über die Buchenwälder, Wiesen und Magerrasen der montanen Stufe bis hin zu den Zwergstrauchheiden und Matten der alpinen Stufe ist eine sehr reichhaltige und pflanzengeographisch interessante Flora zu entdecken. Besonders erwähnenswert ist, dass sich in vielen Regionen Siebenbürgens die extensiven historischen Nutzungsformen der Landwirtschaft bis heute erhalten haben, auch wenn sich durch den Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union (ab 2007) hier erhebliche Änderungen ergeben könnten. Es wird daher wesentlich darauf ankommen, ob es gelingt, frühzeitig mit entsprechenden Förderprogrammen und Planungen mit Augenmaß die für europäische Verhältnisse außergewöhnlich hohe Biodiversität der Kultur- und Naturlandschaften Sieben-bürgens dauerhaft zu sichern.

Fr. 9. Dez. 2005 • 18.30 Uhr

Flora und Vegetation Arabiens

Prof. Dr. Ulrich Deil, Geobotanik, Universität Freiburg

Trotz der Lage im Zentrum des altweltlichen Trockengürtels, ist die Flora und Vegetation der Arabiens außerordentlich vielfältig. Besonders reich an Pflanzenarten und verschiedenen Lebensräumen ist die feuchte Südwestecke der Arabischen Halbinsel («Arabia felix» im Altertum). An einem Transekt vom Roten Meer über das jemenitische Randgebirge und die Arabische Wüste bis zur Küste von Maskat wird ein Überblick über die Höhenstufen gegeben und der Frage nachgegangen, wie sich die Grenzlage zwischen den Tropen und den Subtropen auf die pflanzengeographischen Muster auswirkt.
Im zweiten Teil wird etwas genauer auf die Halophytenvegetation der Küsten und auf die Sukkulentengesellschaften auf Felsstandorten eingegangen. Vegetationszonierung, Einnischung und „Felsen als Refugien“ sind einige der Aspekte, die diskutiert werden.

Fr. 23. Dez. 2005 • 18.30 Uhr

Wandernde Pflanzen als Vorboten des Klimawandels

Dr. Gian-Reto Walther, Geobotanisches Institut, Universität Hannover

Die Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen und Tiere werden immer deutlicher. Dies äussert sich in Anpassungen der Phänologie von Arten sowie Verschiebungen von Artarealen mit entsprechenden Auswirkungen auf die Zusammensetzung von Lebensgemeinschaften und Struktur von Ökosystemen.
Anhand konkreter Fallstudien sollen Beispiele für Arealverschiebungen entlang von Höhen- und Breitengradienten vorgestellt werden. Jüngste Forschungsresultate aus den Alpen und Südskandinavien zeigen markante Arealverschiebungen von Pflanzenarten auf. In Südskandinavien kann dies am Beispiel der Stechpalme, einer heimischen immergrünen Laubholzart, nachgewiesen werden. Die Stechpalme, wie andere einheimische immergrüne Arten gelten – spätestens seit der Arbeit von Iversen aus den 1940er Jahren – als klassische Beispiele klimalimitierter Arten. Ändert sich das Klima ist somit auch mit einer Verschiebung der Areale solcher Arten zu rechnen.
In den Alpen können solche Vegetationsveränderungen sowohl auf 3000 m über Meer gelegenen Gipfeln des Berninagebietes nachgewiesen werden, aber auch in den in der Schweiz am tiefsten gelegenen Wäldern der Alpensüdseite hat ein markanter Vegetationswandel eingesetzt. Obwohl an entgegengesetzten Ende des Höhengradienten der Alpen gelegen, gibt es deutliche Parallelen zwischen den beiden Veränderungsprozessen; ein Hinweise auf ein und dieselbe Ursache? Welche Rolle spielt dabei die Klimaänderung?
Im Kontext der vielen derzeit vorliegenden Hinweise für klimainduzierte Vegetationsveränderungen werden diese Beispiele erläutert und aufgezeigt, was diesbezüglich bereits heute an Kenntnissen bzw. noch immer an Unkenntnissen vorliegt.

Fr. 13. Jan. 2006 • 18.30 Uhr

Die Pflanzenwelt des Ost-Himalaya

Prof. Dr. Ch. Körner. Botanisches Institut, Universität Basel

Auf etwa 30 Grad nördlicher Breite, zwischen der Hauptstadt Tibets, Lhasa, und den östlichen Abhängen in der chinesischen Provinz Setchuan, erreichen die Himalaya-Ketten noch knapp 8000 m (Gongga) und umschliessen, mit Gipfelhöhen von 5-6-tausend Metern, Hochflächen und Tallandschaften die 3200-4000 m über Meer liegen. Dieser Teil der grössten Landmassenerhebung der Erde umspannt Regionen ausgeprägter kontinentaler Trockenheit im Westen und extrem hoher Feuchtigkeit im Osten. Kommt man als Europärer in diese Florenregion, fühlt man sich in den Hochlagen rasch zuhause. Kaum eine Gattung, die man nicht kennt, allerdings pro Gattung mit unter Umständen über 100 Arten, während bei uns dieselbe Gattung mit vielleicht 10 Arten vertreten ist. Für uns teilweise fremd wird die Flora erst, wenn man im Osten in die Lorbeerwaldstufe, die Heimat der Kiwi-Pflanze, absteigt.
Der zentrale Teil Südtibets rund um Lhasa ist seit Urzeiten völlig entwaldet. Getreide, ja sogar Maiskulturen auf 3700 m weisen diese Region klar als potentielles Waldland aus. Der Sommer, mit ungewöhnlich angenehmen Temperaturen auf dieser Höhe ist auch die feuchte Jahreszeit (Monsunregen). Dieses Klima schafft Voraussetzungen für geschlossenes Weideland bis etwa 5200 m Höhe. Wichtige Gattungen sind Potentilla (holzige P. fruticosa ssp.), kleine Rhododenren und eine reiche Mattenflora mit Kobresia, Leontopodium, Gentiana, Aster, Polygonum und Pedicularis. In der offenen, hochalpinen Flora darüber, besticht vor allem die Gattung Saussurea, die mit ihren Wollköpfen die 6000er Grenze übersteigt. Die Baumgrenze liegt um 4600 m und wird von stattlichen 5-6 m hohen Juniperus (=Sabina) Arten gebildet. Der geschlossene Abies-Bergwald endet bei etwa 4300 m. Eine ungewöhnliche Reichhaltigkeit und Uppigkeit von Weidengebüschen mit bis zu 3 m Höhe bildet ernsthafte Konkurrenz für die Regeneration des Bergwaldes. Sehr seltsam mutet für den Europäer eine immergrüne Eichenwaldgrenze bei etwa 3900 m an, unter 3400 m wechseln Eichen mit Kiefernwäldern. Den Talgrund, mit seinen ungebändigten Flüssen, beherrschen Sanddorn, Weiden und Pappeln. Auf den untersten Talflanken liegt die Heimat des Pfirsich.
Die alpine Flora im feuchteren Osten ist der europäischen noch ähnlicher, wie bei uns gibt es bunte Alpenmatten mit Germer (Veratrum), an der Waldgrenze Fichten und Lärchen, in den Bergwäldern treten hochwüchsige Rhododendren hinzu. Triefend vor Feuchtigkeit ist die obere Bergwaldstufe moos- und flechtenreich und die Waldgrenze auf etwa 3800 m heruntergedrückt.
Neben der Schilderung der Vegetationsverhältnisse, werde ich auf Fragen zur Ursache der Waldgrenzbildung eingehen, was der eigentliche Grund der Reise und für die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern war.

Fr. 27. Jan. 2006 • 18.30 Uhr

Pollenkonkurrenz und Inzuchtvermeidung in Silene latifolia (Caryophyllaceae)

Prof. Dr. Giorgina Bernasconi, Dep. Ökologie und Evolution, Universität Lausanne

Fr. 10. Febr. 2006 • 18.30 Uhr

Curry, Tannen und Rhododendren:
Ein landschaftlicher und botanischer Streifzug durch Zentralnepal vom tropischen Tieflandwald zu den Gletschern an der Grenze Tibets

Peter Steiger, Rodersdorf

Nepal ist ein faszinierendes Gebirgsland an der Südabdachung des Himalaya. Fast 90 % der zwanzig Milionen-Bevölkerung lebt nach wie vor von der Landwirtschaft, die eine knappe Selbstversorgung ermöglicht. Es gibt im Land erst wenige Strassen, tagelange Fussmärsche ins nächste Zentrum sind eine Selbstverständlichkeit wie das Nebeneinander des mittelalter-lich anmutenden Landbaus und Bollywoodfilme am Fernsehen. Nepal ist das einzige hinduistische Königreich der Erde. Die uralte, friedliche Koexistenz mit den buddhistischen Tibetvölkern in den Hochtälern des Himalayas ist beeindruckend. Zur Zeit steht das Land an einer schwierigen Schwelle des Wandels. Die erstmals breit gebildete Bevölkerung ist nicht mehr bereit den alten, verkrusteten Machtapparat rund um das Königshaus weiter zu dulden.
In Sichtweite des tropischen Tieflandes der Gangesebene auf 120 m Meereshöhe erheben sich die Gebirgswälle der Achttausender. Das sommerfeuchte Monsunklima mit trockenen, eher schneearmen Wintern bestimmt den Lebensrhythmus der Pflanzen. Die Gangesebene wird natürlicherweise von wechseltrockenem Dipterocarpaceenwald mit dominierendem Salbaum Shorea robusta beherrscht. Die Hauptzutaten des Currys, der Curryblattstrauch Murraya koenigii und die Gelbwurz Curcuma aromatica haben hier ihre Heimat ebenso wie Elefant, Tiger und Indisches Nashorn. Durch Brandrodung entsteht Grasland mit bis zu drei Meter hohen Saccharum-Arten oder Reisfelder.
Auf etwa 1000 m Höhe wird der tropische Salwald durch den subtropischen immergrünen Lorbeerwald abgelöst. Durch die uralte Siedlungstätigkeit ist dieser allerdings auf wenige Reste, zumeist in Schluchten, zurückgedrängt worden. Dominierende Arten sind die Theacee Schima wallichii, die eichenverwandte Castanopsis indica, die Magnoliacee Michelia spp. und einige Lorbeergewächse. Brandrodung an Südhängen begünstigt Sekundärwälder der Himalaya-Tränenkiefern Pinus roxburghii und wallichiana .
Ab etwa 2 000 m Höhe setzt der epiphytenreiche Nebelwald ein, in tieferen Lagen meist von immergrünen Eichen dominiert, in Zentralnepal vorwiegend Quercus semecarpifolia und der baumförmige, rotblühende Rhododendron arboreum. Auf rund 3 000 m Höhe schiebt sich die filigrane Hemlocktanne Tsuga dumosa und einige Ahornarten ein, überlagert von der Himalayatanne Abies spectabilis mit strauchigen Rhododendren im moosreichen Unterwuchs. Im Langtang-Nationalpark kommt reliktisch auch die Szechuan-Lärche Larix potaninii vor. Die Waldgrenze mit Betula utilis liegt auf 4 200 m!
Die rasch ausapernden, sonnseitigen Wacholderwälder mit Juniperus indica, squamata sind fast ausnahmslos in Weideland umgewandelt worden. Zwergsträucher wie Cotoneaster, Ribes, Berberis, Caragana, Lonicera, Rhododendron und Juniperus erreichen hier ihre Obergrenze bei 4 800 m. Der legendäre Blaumohn Meconopsis spp. ist hier Weidebeikraut. Darüber dehnen sich kurzrasige, oft blumenbunte Yakweiden und alpine Matten mit dominanter Kobresia nepalensis. mit zahlreichen Primeln und Enzianen. Auf günstigen Felsstandorten beginnt der Lebensbereich alpiner Pflanzen. Nebst spezifischen Gattungen des Himalaya begegnen uns auch wohlbekannten wie Androsace, Saxifraga, Potentilla und Rhodiola auf über 5 000 m Höhe.
[Der ursprünglich angekündigte Vortrag über «Die Anfänge der botanischen Illustration und die Stadt Basel» von Prof. Dr. H. W. Lack, Berlin, fällt leider aus.]